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Presseerklärung 20.06.2006
Rainer Sagawe
Berater für Erneuerbare Energien
Galgenberg 11
31789 Hameln
Tel. und Fax: 0 51 51 - 56 00 86
Güssing - energieautark durch Biomasse - Beispiel für Obernkirchener
Region ?
Das Schaumburger Land mit seinen fruchtbaren Böden, eingerahmt
vom Schaumburger Wald und den Wäldern des Bückeberges, hat
hervorragende Voraussetzungen, mit den Biomasse-Ressourcen Holz und
Biogas zur Energie-Plus-Region zu werden, also aus erneuerbaren Quellen
wesentlich mehr Energie zu erzeugen als hier verbraucht wird: dadurch
bleibt mehr Geld in der Region, Wärmeabgabe zum Selbstkostenpreis
kann darüber hinaus zum Standortvorteil werden und ein entscheidenden
Faktor sein, um Industrie anzusiedeln.
Was gab es bei einem Besuch in Österreich im südlichen Burgenland
zu erfahren?
Die 4000-Einwohner Stadt Güssing (arm, abgelegen an Grenze zu Ungarn
und Slowenien, keine Autobahn, kein Eisenbahnanschluss) hat es geschafft,
sich innerhalb von 13 Jahren mit den heimischen Ressourcen Holzhackschnitzel
und Biogas und auch Solarthermie energieautark zu machen.
Dieser Punkt wurde 2003 erreicht. Vorangegangen waren Maßnahmen
zur Energieeinsparung im öffentlichen Bereich. Güssing ist
dadurch heute zu einer wohlhabenden Stadt geworden und verfügt
über alle Infrastruktureinrichtungen. Es gibt ein kleines Krankenhaus,
vier große Kulturorganisationen, ein Sportzentrum und Einkaufszentren.
Heute ist Güssing nicht nur energieautark sondern erzeugt mehr
Energie, als es selbst verbraucht, immer bezogen auf Wärme, Treibstoff
und Strom.
Wärme für das Nahwärmenetz wird in Heizkraftwerken mit
Holzhackschnitzeln erzeugt, Strom mit Blockheizkraftwerken die mit Biogas
und Holzgas betrieben werden.
Biodiesel wird überwiegend
aus Alt-Speiseölen und zum kleineren Teil aus Raps hergestellt.
An die Industrie wird Wärme zum Selbstkostenpreis abgegeben.
Die größten Abnehmer sind zwei Parkettwerke und ein Laubholztrockenwerk.
Dazu kommen ein Teigwarenfabrik, mehrere Maschinenbaufirmen, die viel
Wärme für die Produktionshallen brauchen.
Die Parkettwerke
liefern außerdem ihr Abfallholz an die Heizwerke, was sich auf
ihre Energiekosten noch einmal preismindernd auswirkt.
Perspektiven: Herstellung von Erdgas, Diesel und Benzin aus Holz
:
In einem neuartigen von der Technischen Universität Wien entwickelten
zwei Megawatt starken Biomassekraftwerk wird in Güssing Holz mit
einem Wirkungsgrad von 85 % zu Holzgas umgewandelt. Dieses Holzgas wird
in einem Blockheizkraftwerk zu Strom und Wärme umgewandelt.
Demnächst will man ein zweites derartiges Werk bauen. Aus dem dann
gewonnenen Gas wird Erdgas zum Betrieb einer Erdgastankstelle hergestellt.
Diese Anlage zieht Besucher aus aller Welt magnetisch an, die nächste
fünf Megawatt-Anlage wird in Frankreich gebaut. Die langfristigen
Planungen sehen vor, das Holzgas mit Biogas zu einem Synthesegas zu
mischen.
In mehreren Forschungsgruppen wird daran gearbeitet, dass dieses Syn-thesegas
in einigen Jahren zu Diesel und Benzin umgewandelt wird. Damit können
dann aus Holzhackschnitzeln Strom, Wärme, Erdgas, Diesel und Benzin
hergestellt werden, die prinzipielle Machbarkeit wurde in kleinen Laboranlagen
schon unter Beweis gestellt, die weiteren Forschungen dienen im Wesentlichen
der Vorbereitung einer industriellen Großproduktion.
Konzerne wie Shell, BP, Volkswagen und Daimler-Benz und Universitäten
sind an diesen Entwicklungen sehr interessiert und betreiben in Güssing
angewandte Forschung im Europäischen Zentrum für Erneuerbare
Energien, insgesamt sind etwa 150 Menschen hier beschäftigt.
Reinhard Koch zur regionalen Wertschöpfung :
Ing. Reinhard Koch, Leiter des Europäischen Forschungszentrums
in Güssing, Initiator und führender Kopf der Güssinger
Energiewende, wurde interviewt. Rainer Sagawe stellte aus diesem Interview
einen Kurzfilm zusammen, der mit Bildern aus der energieautarken Stadt
ergänzt wurde. Koch weist besonders auf die positiven Auswirkungen
auf die regionale Wertschöpfung hin. Pro Haushalt werden im Raum
Güssing etwa 3.500 € für Energie ausgegeben (Heizung,
Warmwasser, Strom, Treibstoff fürs Auto). Früher ist dieses
Geld komplett aus der Region herausgegangen. Das waren bei 10.000 Haushalten
im Bezirk Güssing 35 Millionen € pro Jahr. Bis 2010 soll die
ganze Region nach dem Güssinger Beispiel auf die Energieversorgung
aus den eigenen Ressourcen umgestellt sein, dann bleiben jährlich
35 Mill. € mehr an Kaufkraft in der Region.
Heute schon bleiben in der Stadt Güssing etwa 13 Millionen €
jährlich für die aus eigenen Ressourcen erzeugte Energie.
Für Deutschland hat Bene Müller, Geschäftsführer
der Solarcomplex GmbH in Singen am Bodensee, nach Angaben des Bundesamtes
für Statistik ausgerechnet, dass pro Kopf und Jahr etwa 2.650 €
für Energie ausgegeben werden.
Darin enthalten sind auch die Ausgaben für die in Gütern und
Dienstleistungen enthaltene Energie. Konservativ hat man bei Solarcomplex
geschätzt, dass die Hälfte davon, nämlich etwa 1.325
€, jährlich aus der Region herausgehen. Das deckt sich in
etwa mit den Angaben von Reinhard Koch. Sowohl Solarcomplex als auch
Koch beziehen sich jeweils auf eine Region, die über keine eigene
konventionelle Energieerzeugung (zum Beispiel Steinkohlekraftwerke)
verfügt.
Für unsere Region müssen wir berücksichtigen, dass ein
Teil des vom alten Wesertaler Kohlekraftwerk und vom AKW Grohnde erzeugten
Stromes als regionale Wertschöpfung in der Region bleibt. (Wird
deutlich an Emmerthal als reichster Gemeinde im Landkreis). Um zu einer
für unsere Region in etwa angepassten Faustformel zu gelangen,
ziehen wir für das Weserbergland von der von Solarcomplex auf 1.350
€ angesetzten Summe 350 € Euro ab und kommen dann auf eine
Summe von etwa 1.000 €, die pro Kopf und Jahr unsere Region verlassen.
Dies sind die Ausgaben für Heizöl, Flüssiggas, Erdgas,
Kohle, Treibstoff und Strom.
Die Region für erneuerbare Energien umfasst die vier Landkreise
Holzminden, Hameln-Pyrmont, Schaumburg und Nienburg mit insgesamt etwa
550.000 Einwohnern. Damit verlassen unsere Region pro Kopf und Jahr
etwa 550 Millionen €.
Matthew Simmons, ehemaliger Berater von Dick Cheney, Vizeprädident
USA, sagt einen Anstieg des Preises für ein Barrel Öl von
heute etwa 70 $ auf über 200 $ voraus (Aus: Finanzzeitschrift €uro
3-2006, ab Seite 43, "Milliarden-Gewinne mit Energie", Autoren:
Jörg Lang, J. Althof, U. Lill und H. Wiedemann). Wird nicht bald
umfassend auf Energiesparen und erneuerbare Energien umgeschwenkt, bedeutet
das, dass aus unserer Region dann etwa 1,5 Mrd. € jährlich
für extern einzukaufende Energie abfließen.
Dies würde das finanzielle Ausbluten unserer Region bedeuten, deshalb
muss heute mit dem Umsteuern auf umfassendes Energiesparen und umfassende
Nutzung unserer in großem Umfang zur Verfügung stehenden
regenerativen heimischen Ressourcen angefangen werden. Nutznießer
sind Handwerk (energetische Sanierung), Landwirtschaft und Forstwirtschaft.
Auch alle Energieverbraucher profitieren davon, da diese nach vorgenommenen
Energiesparmaßnahmen die verbleibende notwendige Energie auf Dauer
preiswert aus krisenfesten heimischen Ressourcen beziehen können.
Je eher und je konsequenter der Weg zur Versorgung aus heimischen Ressourcen
beschritten wird, desto größer sind die Chancen, gegenüber
anderen Regionen die Nase vorn zu haben und Industrie durch günstig
zur Verfügung stehende Energie, insbesondere Wärme, anzusiedeln.
Unsere Region spielt dabei nicht den Vorreiter :
Zum Beispiel hat sich der Landkreis Fürstenfeldbruck im Jahr 2000
auf diesen Weg begeben und will bis 2020 energieautark sein. Für
dasselbe Ziel arbeitet Solarcomplex im Landkreis Konstanz. Im Landkreis
Neumarkt in der Oberpfalz geht man ähnliche Wege. In den Landkreisen
Bad Tölz und Wolfratshausen, Heimat von Edmund Stoiber, bayerischer
Ministerpräsident, hat man 2005 den Beschluss gefasst, sich bis
2025 vollständig selbst mit Energie aus eigenen Ressourcen zu versorgen.
Schweden hat beschlossen, sich bis 2020 komplett aus erneuerbaren Energien
zu versorgen.
Rainer Sagawe
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